OnboardingInEurope

Erstaufnahmeeinrichtungen in Deutschland

Erstaufnahmeeinrichtungen sind für geflüchtete Menschen in Deutschland die erste Station ihres Aufenthalts und dadurch auch erste Station im Onboarding, der Ort spielt demnach eine entscheiden Rolle im Ankommenprozess der Menschen.

Im Folgenden werde ich genauer auf unterschiedliche Aspekte der Erstaufnahmeeinrichtungen eingehen und beleuchten, welche Einfluss sie auf die Lebenssituation und das Onboarding der Geflüchteten haben. Dabei werde ich untersuchen, welche Faktoren wichtig sind für den Onboarding Prozess in Erstaufnahmeeinrichtungen und welche Hürden sich erkennen lassen. Das Ziel des vorliegenden Artikel ist es nicht, zu untersuchen, inwiefern Erstaufnahmeeinrichtungen generell ein geeigneter oder ungeeigneter Ort fürs Onboarding ist. Dies ist auch nicht möglich, da die Erstaufnahmeeinrichtungen von Standort zu Standort extrem unterschiedlich und vielfältig sind. Vielmehr ist Ziel des Artikels zu beleuchten, welche einzelnen Faktoren für den Onboarding Prozess in Erstaufnahmeeinrichtungen entscheidend sind und diese herauszuarbeiten. Zukünftig könnten diese herausgearbeiteten Faktoren genutzt werden, um einzelne Standorte mit diesen Kategorien zu untersuchen.

Erstaufnahmeeinrichtungen in Deutschland

Geflüchtete werden nach ihrer Ankunft in Deutschland zunächst in einer Erstaufnahmeeinrichtung untergebracht. Dort können sie bis zu 18 Monaten verpflichtet werden zu wohnen (§ 47 Abs. 1 AsylG) und bei einer Verletzung von der sog. Mitwirkungspflicht kommt zudem eine Verlängerung der Wohnpflicht über die 18 Monate hinaus in Betracht (§ 47 AsylG). Die Erstaufnahmeeinrichtung ist demnach für Menschen die neu nach Deutschland kommen für eine lange Zeit erster Wohnort und der Ort, an dem das erste Onboarding stattfindet.
Für die Erstaufnahmeeinrichtungen sind die Länder selbst verantwortlich, sie müssen also die für die Unterbringung von Geflüchteten erforderlichen Aufnahmeeinrichtungen schaffen. Durch die lange Zeit die Geflüchtete in Deutschland verpflichtet sind in den Erstaufnahmeeinrichtungen zu wohnen, hat die Art und Weise wie die Erstaufnahmeeinrichtungen aufgebaut ist, das Angebot und auch das dort arbeitende Personal einen großen Einfluss auf das Leben und das Ankommen der dort wohnenden Geflüchteten.
Die Erstaufnahmeeinrichtung ist demnach mehr als nur der Wohnort der Geflüchteten, sondern hat auf mehreren Ebenen Einfluss auf die Lebenssituation und das Ankommen der Geflüchteten.

Struktur der Erstaufnahmeeinrichtung: Größe, Aufbau, Lage

Größe, Aufbau und Lage der Erstaufnahmeeinrichtungen können sehr unterschiedlich ausfallen und sind ein wichtiger Faktor, welcher Einfluss auf die Lebenssituation der Bewohner*innen hat (Dilger/ Mashimi 2016: 33).
Die Größe der Erstaufnahmeeinrichtung bestimmt auch die Anzahl der Bewohner*innen, was wiederum Einfluss auf die Zimmergröße und die Privatsphäre der einzelnen Bewohner*innen hat.
Der Aufbau der Erstaufnahmeeinrichtung hat Einfluss auf die täglichen Wege und Zugänge, welche die Bewohner*innen in ihrem Alltag haben.
Und die Lage und die Infrastruktur rund um die Erstaufnahmeeinrichtung, wie zum Beispiel die Anbindung an öffentliche Verkehrsmittel, spielen eine entscheidende Rolle für die Mobilität der Menschen (Dilger/ Mashimi 2016: 45).
Demnach sind Größe, Aufbau und Lage der Erstaufnahmeeinrichtung wichtige Faktoren, welche Einfluss auf die Lebenssituation und das Ankommen der Geflüchteten haben.

Zugang zu Informationen

Geflüchtete die in Deutschland ankommen verlieren oft ein Stück ihre Selbstbestimmung und Handlungskontrolle (Schiefer 2018: 6). Ursache dafür ist, dass sie oft wenig Wissen über die Abläufe im Aufnahmeland haben und sie so teilweise Zusammenhänge nicht einordnen und Regelungen nicht verstehen können (Schiefer 2018: 6). Dies kann zu einem Gefühl des Kontrollverlust führen, was wiederum Menschen das Gefühl gibt der Situation hilflos ausgeliefert zu sein (Schiefer 2018: 6).
Um dies zu verhindern müssen Geflüchtete sich im Asyl- und Aufnahmesystem zurecht finden, um so Selbstbestimmung und Kontrolle über ihre Handlungen wiederzuerlangen (Schiefer 2018: 6). Es kann also davon ausgegangen werden, dass wenn Geflüchtete über ihre Rechte und Pflichten informiert sind, sie sich nicht nur weniger hilflos fühlen, sondern auch das Asylverfahren reibungsloser abläuft.

Da das deutsche Asylsystem aus einer Vielzahl von administrativen, politischen, aktivistischen, ehrenamtlichen, rechtlichen, wirtschaftlichen und sozialen Akteur*innen besteht, ist es insgesamt ein verwirrendes und unübersichtliches System, welches nahezu alle Bereiche unserer Gesellschaft betrifft (Dilger/ Mashimi 2016: 37). Es ist daher fast unmöglich, jeden Aspekt des Systems vollständig zu verstehen und umso entscheidender ist es, dass Geflüchtete in der Erstaufnahmeeinrichtung Zugang zu Informationen haben, um sich entsprechendes Wissen anzueignen (Grotheer/ Schroeder 2018: 88.)
Der Zugang zu Informationen ist demnach ein wichtiger Faktor für das Leben der Bewohner*innen der Erstaufnahmeeinrichtung, da er Einfluss auf die Gefühle, den Ablauf des Asylverfahrens und der generellen Selbstbestimmtheit der Menschen hat.

Zugang zu medizinische Versorgung

Medizinische Versorgung in den Erstaufnahmeeinrichtungen ist ein weiterer entscheidender Faktor für die Lebenssituation der Geflüchteten in den Erstaufnahmeeinrichtungen. Erstaufnahmeeinrichtungen sind nach § 62 Abs. 1 AsylG verpflichtet, eine ärztliche Untersuchung auf übertragbare Krankheiten einschließlich einer Röntgenaufnahme der Atmungsorgane durchführen zu lassen. Die Verantwortung für die Erstuntersuchung liegt dabei bei den jeweils zuständigen Behörden in den aufnehmenden Bundesländern. Da die oberste Landesgesundheitsbehörde sowohl die Zuständigkeit als auch den Umfang der Untersuchung bestimmt, können sich die Untersuchungen von Bundesland zu Bundesland in ihrer Sorgfalt und Umfang ändern. Auch sollten ergänzende Untersuchungen oder medizinische Therapien notwendig sein, ist weiterhin die Erstaufnahmeeinrichtung für die Organisation dieser zuständig (Romano 2018: 26). Ein mögliches Problem dabei ist, dass zwar durchaus die Möglichkeit weiterer Leistungen besteht, jedoch dies immer eine Einzelfallentscheidung und demnach von/vom der/dem jeweiligen Sachbearbeiter*in abhängig ist (Köbsell 2018: 68). Ist eine Behandlung außerhalb der Erstaufnahmeeinrichtung nötig und wird gestattet, spielt zudem erneut die Lage und die damit einhergehende Anbindung der Erstaufnahmeeinrichtung eine Rolle im Leben der Geflüchteten. Hinzu kommt, dass Sprachbarrieren die Kommunikation zusätzlich erschweren und Geflüchtete mit dem Problem konfrontiert sind, dass eigene medizinischen Anliegen nicht artikulieren zu können (Dilger/ Mashimi 2016: 54).
Die starke Verrechtlichung erschwert also die Möglichkeiten einer bedarfsgerechten medizinischen Grundversorgung und hängt sehr von der Beurteilung und Kategorisierung des Einzelschicksals ab. Und Anbindung und Sprachmittlung sind weitere Faktoren welche den Zugang zu medizinischer Versorgung erschweren.

Die Faktoren Struktur der Erstaufnahmeeinrichtung, Informationszugang und medizinische Versorgung spielen wie dargestellt also eine wichtige Rolle für die Lebenssituation und das Onboarding der Geflüchteten in Erstaufnahmeeinrichtungen. Sie sind dabei jedoch keineswegs nur einzeln zu betrachten, sondern können sich durchaus überschneiden.

Quellenverzeichnis:

Dilger, Hansjörg/ Mashimi, Kristina (2016): Living in Refugee Camps in Berlin: Women’s Perspectives and Experiences, Berlin: Weißensee Verlag.

Grotheer, Angela / Schroeder, Joachim (2018): Unterbringung von Geflüchteten mit einer Behinderung. Ein Problemaufriss am Beispiel von Hamburg, in: Gudrun Wansing/ Manuela Westphal (Hrsg.): Migration, Flucht und Behinderung, Wiesbaden: Springer VS, 81-102.

Köbsell, Swantje (2018): „‚Disabled asylum seekers? … They don’t really exist‘“. Zur Unsichtbarkeit behinderter Flüchtlingeim Hilfesystem und im behindertenpolitischen Diskurs, in: Gudrun Wansing/ Manuela Westphal (Hrsg.): Migration, Flucht und Behinderung, Wiesbaden: Springer VS, 63- 81.

Romano, Jessica (2018): Gesundheitliche Versorgung von Geflüchteten. Online verfügbar unter: https://www.aktion-neue-nachbarn.de/export/sites/aktion- neue- nachbarn/.content/.galleries/downloads/gesundheitliche_versorgung _von_geflue chteten_handbuch_caritas_wuppertal.pdf, (11.09.2022).


Schiefer, David (2018): Viele Fragen, zu viele Antworten? Die Transparenz des Asyl- und Aufnahmesystems für Flüchtlinge. Online verfügbar unter: https://www.bosch- stiftung.de/sites/default/files/publications /pdf/2018-06/SVR Forschungsbereich_2018_Policy_Brief_ Systemtransparenz_Final.pdf, (11.09.2022)