OnboardingInEurope

integration

„In der Wissenschaft herrscht keine Einigkeit über den Begriff der Integration. Integration wird entweder als Prozess, als Funktion oder als Ziel verstanden.“ (Fincke 2009:41)

Es gibt eine Vielzahl von Theorien, Meinungen sowie Bewertungen zu dem Begriff Integration. Auch werden in dem Kontext häufig die Begriffe Assimilation und Akkulturation verwendet. Im folgenden werde ich zentrale Integrationstheorien vorstellen sowie die Begriff kritisch einordnen und hinterfragen.

Integrationstheorie von Militon M. Gordon

Akkulturation und Assimilation sind die zwei zentralen Begriffe in der Theorie von Militon M. Gordon. Akkulturation wird als Begriff von Gordon dabei vor allem auf der kulturellen Ebene genutzt (Gordon 1964: 59). Er ist der Meinung, dass aus dem Zusammentreffen von Menschen mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen auch immer die Veränderung des kulturellen Verhaltes von mindestens einer der beiden Gruppen heraus geht (Gordon 1964: 59). Die verschiedenen Gruppen und die Individuen begegnen und verändern sich demnach durchaus gegenseitig (Gordon 1964: 105). Akkulturation beschriebt jedoch noch nicht ausreichend die strukturelle sowie soziale Verwebung und die Selbstidentifikation der/des Einzelnen. Diese beschreibt Gordon mit dem Begriff der Assimilation. Der Begriff der Assimilation bezeichnet demnach also eben dieses gegenseitige verweben und durchdringend der unterschiedlichen Gruppen (Gordon 1964: 81). Dabei wird ein gemeinsames kulturelles Leben geformt in dem die Individuen ihre Geschichten und Erfahrungen teilen. Dies geschieht durch die Aneignung von Erinnerungen, Meinungen und Einstellung (Gordon 1964: 81).
Nach Gordon ist Integration demnach dann möglich, wenn sich die verschiedenen Gruppen gegenseitig für einander öffnen. Dafür müssen Ängste und Vorurteile gegenüber der anderen Gruppe jedoch komplett abgelegt werden, da nur so eine tatsächliche soziale Interaktion erfolgen kann (Gordon 1964: 246).

Shmuel N. Eisenstadt Integrationstheorie

Für den Soziologen Shmuel N. Eisenstadt findet Integration innerhalb der vorgegebenen strukturellen Eigenschaften der Aufnahmebedingungen statt. Laut seiner Theorie ist ein entscheidender Faktor, dass der/die Migrant*in bereit ist, die sozialen Strukturen der Aufnahmegesellschaft anzuerkennen und sich damit zu identifizieren (Eisenstadt 1951: 224).
Er stellt vier Arten der Integration heraus, welche, wenn sie von einer/einem Migrant*in alle durchlaufen werden, eine erfolgreiche Integration hervorbringen.

Die erste ist die adaptive Integration (Eisenstadt 1952: 225). Diese adaptive Integration wird durch die Aufnahme von sozialen Kontakten mit Menschen aus dem Aufnahmeland erreicht und zielt auf die positive Identifikation mit den Strukturen und Werten der Aufnahmegesellschaft ab (Eisenstadt 1952: 225). Dabei muss sowohl die Aufnahmegesellschaft gewillt sein und Möglichkeiten zur adaptiven Integration anbieten, aber gleichzeitig müssen auch der/die Migrant*innen bereit sein, sich einzubringen (Eisenstadt 1952: 225). Dadurch, dass die adaptive Integration von dieser wechselseitigen Bereitschaft abhängig ist, ist diese Phase der Integration laut Eisenstadt auch besonders anfällig für Krisen und verläuft relativ langsam.

Die zweite Integrationsart wird von Eisenstadt als die instrumentale Integration
beschrieben (Eisenstadt 1952: 229). Dabei geht es vor allem um eine instrumentale und zweckorientierte Art der Integration (Eisenstadt 1952: 229). Sie bezieht sich auf die erste Phase der Integration, in denen die Migrant*innen vor allem im Bereich der Wirtschaft Aktivitäten aus vorwiegend zweckmäßigen Gründen betreiben, da es vor allem darum geht die eigenen Ressourcen zum wirtschaftlichen Vorteil einzusetzen (Eisenstadt 1952: 229). Dabei übernehmen Migrant*innen zwar die Rollen und Abläufe der Aufnahmegesellschaft, jedoch bedeutet dies für Eisenstadt nicht, dass auch die Werte der Aufnahmegesellschaft tatsächlich mit übernommen werden (Eisenstadt 1952: 229).

Die Solidarische Integration beschriebt die Solidarisierung und Identifizierung der Migrant*innen mit den Menschen des Aufnahmelandes (Eisenstadt 1952: 374). Dieser Prozess wird zwar erheblich eingeschränkt davon, dass die Migrant*innen weiter an den Werten der eigenen ethnischen Gruppe festhalten und diese Werte durchaus an die Menschen des Aufnahmelandes weitertragen wollen, trotzdem findet eben auch eine Identifizierung mit der Aufnahmegesellschaft statt (Eisenstadt 1952: 374). Dies führt dazu, dass die Migrant*innen ein Zugehörigkeitsgefühl entwickeln und dadurch die Motivation am gesellschaftlichen Leben des Aufnahmelandes teilzunehmen begünstigt wird (Eisenstadt 1952: 374). Für eine erfolgreiche solidarische Integration
ist es laut Eisenstadt demnach wichtig, dass Gemeinsamkeiten der eigenen Gruppe und der Aufnahmegesellschaft gefunden werden, da so der Prozess der Integration deutlich erleichtert wird. Die Bereitschaft zur gegenseitigen Kommunikation ist demnach Voraussetzung.

Zusätzlich zu der Bereitschaft der Kommunikation ist auch die kulturelle Integration Voraussetzung für die zuvor beschreibende solidarische Integration (Eisenstadt 1954: 172). Kulturelle Integration beschriebt die Übernahme von emotionalen Ausdrucksformen und Symbolen, die für den Alltag im Aufnahmeland von Bedeutung sind (Eisenstadt 1954: 172). Ohne diese Übernahme kann also keine richtige Kommunikation stattfinden und demnach auch keine Solidarisierung und Identifizierung. Eisenstadt sagt, dass je nach Geschichte und Herkunftsgesellschaft der Migrant*innen sind verschiedene Aspekte bereits vorhanden, demnach müssen nicht von jedem/jeder Migrant*in alle dieser vier Integrationsarten durchlaufen werden (Eisenstadt 1954: 172). Dies sorgt auch dafür, dass die Zeit die für eine erfolgreiche Integration benötigt wird, verschieden lang sein kann. Zudem wird deutlich, wie komplex der Prozess der Integration nach den Vorstellungen von Eisenstadt ist und weswegen es nach ihm durchaus unterschiedliche Ergebnisse innerhalb dieses Prozesses gibt.

Integrationstheorie von Hartmut Esser

Die vorgestellten Theorien von Gordon und Eisenstadt sind Grundlage für die viel diskutierte Theorie von dem Mannheimer Professor Hartmut Esser. Esser orientiert sich dabei an einem handlungstheoretischen Modell, welches sich auf kognitive Theorien des Handelns und Lernens von Individuen bezieht (Esser 1980: 70). So wird das Handeln einzelner Akteur*innen immer als bewusste Entscheidung verstanden, welche das Ziel hat den eigenen Nutzen zu maximieren (Esser 1980: 70). Betrachtet man diese Grundannahme im Kontext von Migration geht Esser davon aus, dass Prozesse wie der Erwerb von Sprache oder Bildungsqualifikationen eine individuelle Anpassungsleistung der Migrant*innen sind (Esser 1980: 13).
Des Weiteren geht Esser davon aus, dass der Ortswechsel der Migrant*innen auch immer eine Art der Desozialisierung für den Menschen ist (Esser 1980: 107). Auf diesen Prozess der Desozialisierung folgt bei Esser der Prozess der Resozialisierung im neuen Aufnahmeland (Esser 1980: 107). So müssen Migrant*innen neue soziale Beziehungen aufbauen, das System der Aufnahmegesellschaft verstehe und neue Bezugsrahmen finden (Esser 1980: 107).
Die Beziehungen der Migrant*innen zum System der Aufnahmegesellschaft werden von Esser in drei Teilbereiche der Eingliederung gebrochen, bezeichnen tut er diese als
Akkulturation, Integration und Assimilation (Esser 1980: 20).

Akkulturation beschreibt die Vermischung verschiedener Einflüsse und kommt ursprünglich aus der Sozial- und Kulturantrhopologie (Esser 1980: 20). Differenziert wird hier der reine Austausch kultureller Elemente bei der ersten Kontaktaufnahme, die Eingliederung verschiedener Elemente in das Aufnahmeland und das neu erlenen von kulturellen Fähigkeiten (Esser 1980: 20). Es geht Esser also nicht nur um die Übernahme von kulturellen Fähigkeiten, sondern vielmehr um das neu erlenen von diesen und dies führt wiederum dazu, dass eine ganz neue kulturelle Einheit entsteht.

Der Prozess der Integration bezieht sich bei Esser auf das Lernen (Esser 1980: 75). Integration nach Esser lässt sich in drei Unterpunkte unterteilen: Zum einen die
personale Integration. Diese beruht auf einen Lernprozess und ist ein Ergebnis von gelungenen Veränderungen der Wahrnehmung und Beurteilung (Esser 1980: 75). Eine erfolgreiche personale Integration bezieht sich auf das Gefühl der Migrant*innen, welches die Bedürfnisse und Ansprüche ausgeglichen zu den vorhandenen Möglichkeiten im Aufnahmeland stellt (Esser 1980: 75). Soziale Integration meint die Einbindung der Migrant*innen in die Sozialbeziehungen (Esser 1980: 23). Dabei ist es wichtig, dass es ein Gleichgewicht zwischen Beziehungen zur Aufnahmegesellschaft und Beziehungen zur „eigenen“ Gruppe gibt (Esser 1982: 282). Durch die Aufnahme von Beziehungen zur Aufnahmegesellschaft übernimmt der/die Migrant*in soziale Rollen, welche den Normen und Erwartungen des Aufnahmelandes entsprechen (Esser 1980: 20). Bei der dritten, der systematischen Integration muss ein Gleichgewicht zwischen den Systemen bestehen (Esser 1982: 282).

Auf die Prozesse der Akkulturation und der Integration folgt die Phase der Assimilation (Esser 1980: 81). Diese geht über die reine Befriedigung der Grundbedürfnisse der Migrant*innen hinaus und kann nur stattfinden, wenn der/die Migrant*in selber weitere Ziele fokussiert (Esser 1980: 81). Demnach ist die Assimilation auch das Endstadium des Eingliederungsprozesses nach Esser. Esser betont, dass es einen Unterschied zwischen Assimilation und Integration gibt (Esser 1980: 171). Den Unterschied sieht er darin, dass die migrierte Person bei der Assimilation die Möglichkeit hat, selber aus einer Vielzahl von Optionen zu wählen und diese Auswahl mit denen der Menschen aus dem Aufnahmeland identisch ist (Esser 1980: 171).
Esser hat zudem zwei Variablen innerhalb des Assimilationsprozess herausarbeitet: Person und Umgebung (Esser 1982: 283). Die Untervariablen Motivation, Kognition, Attribution sowie Widerstand verordnet Esser dabei der Variabel Person zu (Esser 1980: 102). Dabei steht Motivation für den Anreize, Kognition beschreibt die subjektive Erwartung, Attribution bezieht sich auf das allgemeine Vertrauen und Widerstad meint die Aufwiegung von Konsequenzen (Esser 1980: 102). Die zweite Variabel Umgebung hat nach Esser drei Untervariablen (Esser 1980: 211). Zum einen die Opportunitäten, welche sich auf das erleichtern oder unterstützen des Assimilationsprozesses bezieht. Barrieren, welche die Bedingungen erfasst und sich erschwerend auswirken und Alternativen, was Handlungsmöglichkeiten nicht im Sinne der Assimilation sind (Esser 1980: 211).
In Essers sehr umfassender Integrationstheorie ist die Verpflichtung des/der Migrant*in sich selber aktiv anzupassen ein immer wiederkehrendes, zentrales Element. Dies wurde zwar immer wieder kritisiert, doch findet sich eben diese Verpflichtung und Anspruch an die migrierende Person auch eindeutig in der Deutschen Integrationspolitik (Aumüller 2009: 84).

Kritik

Vermehrt wurde in den letzten Jahren der Begriff Integration und die darin verankerten Theorien und Überzeugungen kritisiert. Zum einen wird die klare Trennung zwischen den vermeintlichen “Anderen”, von den eine Angleichung und Anpassung an die vermeintlichen gesellschaftlichen Standard der Aufnahmegesellschaft gefordert wird, kritisiert. Aber auch, dass nur ungenügend die strukturelle Ungleichheiten und Diskriminierungen aufgegriffen werden und vornehmlich von einer einseitigen Anpassungsleistung ausgegangen wird, steht berechtigterweise in der Kritik. Neben der Forderung den Begriff der Integration durch den Begriff der Inklusion zu ersetzen, wird vermehrt ein Paradigmawechsel angestrebt.

Quellenverzeichnis:

Eisenstadt, Shmuel N. (1951): The place of elites and primary groups in the absorption of new immigrants in Israel, in: The American Journal of sociology (57): 222-231.

Eisenstadt, Shmuel N. (1952):The process of absorption of new immigrants in Israel, in: Human Relations (5): 223-246.

Eisenstadt, Shmuel N. (1954): The absorption of immigrants. London: Rutledge.

Esser, Hartmut (1980): Aspekte der Wanderungssoziologie. Darmstadt: Luchterhand.

Esser, Hartmut (1982): Sozialräumliche Bedingungen der sprachlichen Assimilation von Arbeitsmigranten, in:
Zeitschrift für Soziologie
(11): 279-306.

Fincke, Gunilla (2009): Abgehängt, chancenlos, unwillig? Eine empirische Reorientierung von Integrationstheorien zu MigrantInnen der zweiten Generation in Deutschland.
Wiesbaden: VS.

Gordon, Milton M. (1964): Assimilation in American Life. The Role of Race, Religion, and National Origins. New York: Oxford University Press.