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Intersektionalität

Ziel des Seminars ist es, theoretische Konzepte der Integration und des gesellschaftlichen Zusammenhalts sowie Best-Practice-Lösungsansätze kennenzulernen und zu beleuchten. Für eine kritische Auseinandersetzung mit diesen Themen müssen dabei auch die Ungleichheits- und Unterdrückungsverhältnisse kritisch untersucht werden. Deswegen stelle ich im Folgenden das Konzept der Intersektionalität vor, da dieses ermöglicht, soziale Kategorien wie Gender, Ethnizität, Nation oder Klasse nicht nur isoliert voneinander zu konzeptualisieren, sondern sie in ihren Verwobenheiten zu analysieren. Dabei geht es nicht nur um die reine Berücksichtigung mehrerer sozialer Kategorien, sondern vielmehr um die Analyse ihrer gegenseitigen Wechselwirkungen.

Intersektionalitätstheorie

Die amerikanische Juristin Kimberlé Crenshaw prägte in den 80er Jahren den Begriff Intersektionalität. Dabei nutzte sie als Metapher eine Verkehrskreuzung, um zu verbildlichen, wie sich unterschiedliche Diskriminierungskategorien überschneiden und sich durch diese Überschneidung eine Schnittstelle bildet.

“Discrimination, like traffic through an intersection, may flow in one direction, and it may flow in another […] if a black women is harmed because she is in the intersection, her injury could result from sex discrimination or race discrimination.” (Crenshaw 1989: 149)

Bei den Überlegungen von Crenshaw werden die einzelnen Diskriminierungskategorien ausgeblendet und die Überschneidung, also die Schnittstelle, in den Mittelpunkt ihrer Analyse gestellt. Die Komplexität von Macht und Herrschaftsverhältnissen werden im Rahmen ihrer Intersektionalitätstheorie untersucht. Das Konzept Intersektionalität basiert demnach darauf, dass soziale Kategorien, sowie Machtstrukturen und Diskriminierungsfaktoren miteinander verflochten sind und wechselseitig wirken.

Heutzutage haben sich neben Crenshaws Konzept der Intersektionalität weitere Überlegungen entwickelt, welche sich ebenfalls mit den Schnittstellen von Diskriminierungen auseinandersetzen. All diese Ansätze thematisieren Prozesse der Verknüpfung und Verwobenheit von Kategorisierungen. Das Strukturen von Kategorisierungen nie als unabhängig von einander zu definieren sind, sondern sich überschneiden und sich gegenseitig bedingen, ist demnach Grundsatz all dieser Ansätze (Binder/ Hess 2011: 16).

Überschneidung von Gender, Ethnizität, Nation und oder Klasse veranschaulicht Katharina Walgenbach in ihrem Intersektionalitätsansatz. Sie betont, dass bei der Analyse von Intersektionalität die Wechselbeziehungen dieser sozialen Kategorien beachtet werden müssen (vgl. Walgenbach: 2012). Sie definiert Intersektionalität als gemeinsamer Orientierungsrahmen, welcher die diversen Ansätze, soziale Kategorien und Analyseebenen integriert ( vgl. Walgenbach: 2012).

Nina Degele und Gabriele Winker gehen von einem Mehrebenenansatz aus. Dieser Mehrebenenansatz bestimmt innerhalb kapitalistischer Gesellschaften die Strukturkategorien Klasse, Gender, Rasse und Körper als Herrschaftsverhältnisse (vgl. Degele/ Winker 2010). Sie betonen, dass die Entscheidung für diese oder jene Kategorie auch immer vom untersuchten Gegenstand und der gewählten Untersuchungsebene abhängig ist (Degele/ Winker 2010: 16). Es geht dabei nie um eine Addition, sondern um die Schnittstelle von Ungleichheitskategorien (Degele/ Winker 2010: 14.). Um die Frage zu beantworten, welche Kategorien für das Konzept relevant sind und wie die Überschneidungen dieser Kategorien zu analysieren sind, stellen die Autorinnen Überlegungen auf drei Ebenen an. Die
Makro – und Mesoebene bezieht sich auf die gesellschaftlichen Sozialstrukturen, Prozesse der Identitätsbildung in der Mikroebene und die kulturellen Symbole der Repräsentationsebene (Degele/ Winker 2010: 18). Geschlecht wird dabei von ihnen als Strukturkategorie auf der Makro und Mesoebene definiert und somit als Ursache sozialer Ungleichheit begriffen. Auf beinahe allen gesellschaftlichen Bereichen spiegelt sich diese soziale Ungleichheit wieder, wie zum Beispiel im Erwerbssystem, in der politischen Öffentlichkeit oder auch dem Staatsbürgerstatus, sowie bei den privaten Beziehungen der Personen (Degele/ Winker 2010: 19). Auf den Prozess der Identifizierung wird auf der Mikroebene Bezug genommen (Degele/ Winker 2010: 20 ). Zusammen mit anderen Kategorien wie Religion oder Beruf wird hier Geschlecht als Kategorie gesehen, über die sich Menschen definieren (Degele/ Winker 2010: 20). Auf der Repräsentationsebene wird die Wichtigkeit gemeinsamer Werte, Vorstellungen und Sorgen betont, die kollektiv geteilt werden (Degele/ Winker 2010: 21). Degele und Winker definieren auf der Strukturebene die vier Kategorien Klasse, Geschlecht, Rasse und Körper, anhand derer sie strukturelle Herrschaftsverhältnisse analysieren. Jedoch verweisen sie auch darauf, dass eine erweiterte Zahl an Kategorien beleuchtet werden muss um den komplexen Herrschaftsverhältnisse der Wirklichkeit gerecht zu werden (Degele/ Winker 2010: 68). Zudem sprechen sie sich mit ihrem Intersektionalitätsmodell auch für eine Überschneidung induktiver und deduktiver Analysen aus und es ist stets zu berücksichtigen, dass die verschiedenen Ebenen ebenfalls in Wechselwirkung zueinander stehen.

Zusätzlich zu dem Modell von Degele und Winker unterscheidet Leslie McCall auch drei differenzierte Zugangsweisen zur Analyse von Intersektionalität (McCall 2005: 1773). Anticategorial complexity, ihr erster Ansatz, basiert auf einer Methodik, die das Ziel hat analytische Kategorien zu dekonstruieren. McCall verweist dabei darauf, dass das Sozialleben der Menschen zu komplex ist, als das es in spezifische Kategorien fassen könnte (McCall 2005: 1773). Der Ansatz der intercategorial complexity, steht im Gegensatz dazu und greift auf bereits bestehende Analysekategorien zu, um Ungleichheiten innerhalb sozialer Gruppen zu dokumentieren (McCall 2005: 1773). Intracategorial complexity ist der Ansatz der sich methodisch zwischen den beiden vorherigen Ansätzen steht (McCall 2005: 1773) Entscheidend bei McCalls Theorie ist, dass ihre Ansätze nicht miteinander konkurrieren, sondern je nach Fragestellung ihre spezifische Bedeutung und Relevanz bekommen. Durch ihren Fokus auf Kategorien verfolgen die interkategorialen Zugangsweisen das forschungspraktisches Ziel empirische Komplexität zu reduzieren und ermöglichen so Aussagen mit entsprechend beschränkter Reichweite. Während antikategoriale Ansätze genutzt werden, um Zuschreibungsprozesse zu dekonstruieren (McCall 2005: 1773).

Eine intersektionale Perspektive ermöglicht es also, vielfältige Ungleichheits- und Unterdrückungsverhältnisse zu erkennen und miteinzubeziehen, die über einzelne Kategorie nicht erklärt werden können.

Quellenverzeichnis:
Crenshaw, Kimberlé (1989): Demarginalizing the Intersection of Race and Sex, in: The University of Chicago Legal Forum (1): 139–167.

Degele, Nina /Winker, Gabriele (2010): Intersektionalität. Zur Analyse sozialer Ungleichheiten. Bielefeld: transcript-Verlag.

McCall, Leslie (2005): The Complexity of Intersectionality, in: Sings, 30 (3) Chicago: University of Chicago Press.

Walgenbach, Katharina (2012): Intersektionalität – eine Einführung. Online verfügbar unter: http://portal-intersektionalitaet.de/theoriebildung/ueberblickstexte/walgenbach-m einfuehrung/ (01.09.2022).